Weg vom Schreibtisch, raus zu den Menschen – Ich bin Sachverhaltsermittler beim Finanzamt

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Gespeichert von Astrid Barbara Mohr am 17. November 2017
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17. November 2017

Weg vom Schreibtisch, raus zu den Menschen – Ich bin Sachverhaltsermittler beim Finanzamt

Ich brauche Abwechslung und auch ein bisschen Action in meinem Arbeitsalltag. Der immer gleiche Bürojob am Schreibtisch füllt mich langfristig nicht aus. Was viele überrascht: mit diesem Wunsch bin ich in der Finanzverwaltung genau richtig. Mein Name ist Ulrich Altewische, ich bin 57 Jahre alt und ich bin einer von rund 100 Sachverhaltsermittlern in NRW.

Wenn die Prüfung einer Steuererklärung vom Schreibtisch aus nur noch mit sehr viel Aufwand zu bewältigen ist, komme ich zum Einsatz und rücke aus. Ich fahre zu den Bürgerinnen und Bürgern nach Hause und prüfe vor Ort, ob die Angaben in ihrer Steuererklärung korrekt gemacht worden sind. Auf diese Weise ersparen wir den Bürgerinnen und Bürgern und auch uns eine ganze Menge Schriftverkehr. Denn im persönlichen Gespräch und bei der direkten Besichtigung vor Ort lassen sich viele Dinge deutlich einfacher klären. Außerdem kann ich den Bürgerinnen und Bürgern bei einem Hausbesuch viel besser helfend zur Seite stehen. So stellte ich zum Beispiel bei dem Besuch der Wohnung einer älteren Dame fest, dass sie sehr viele Dinge, die sie steuerlich geltend machen kann, in ihrer Steuererklärung gar nicht angegeben hatte. Vom Schreibtisch aus hätte ich so etwas natürlich nicht bemerkt.

Ein bisschen Detektivarbeit gehört auch dazu

Manchmal beschäftigten mich leider auch Fälle, in denen das Finanzamt vorsätzlich betrogen werden sollte. Dann wird aus einer Routinekontrolle schon mal Detektivarbeit. Existiert das Arbeitszimmer in den eigenen vier Wänden tatsächlich? Wurde der 10.000 Euro teure Whirlpool wirklich im Badezimmer der Mieter eingebaut oder doch in der eigenen Wohnung? Wenn bei der Begutachtung einer Steuererklärung Zweifel an deren Richtigkeit aufkommt, fahre ich los und schaue mir die Lage vor Ort an. Dabei erlebte ich u.a. bereits,  wie Hauseigentümer vor meinem Besuch Klingelschilder austauschten, um falsche Mitverhältnisse vorzutäuschen. Die genaueste Beobachtung der angetroffenen Verhältnisse ist daher unbedingt erforderlich.

Nach der Ausbildung begann der Stellen-Marathon

1977 begann ich meine Ausbildung für die Laufbahn des mittleren Dienstes beim Finanzamt Dortmund-West. Da ich aus einer Beamtenfamilie komme, wurde mir die Tätigkeit im öffentlichen Dienst quasi in die Wiege gelegt. Ich wollte  einen sicheren Job, gleichzeitig aber auch Abwechslung und ein wenig Action. Schnell merkte ich, dass mir die Finanzverwaltung die Möglichkeit bot, zahlreiche unterschiedliche Stellen auszuprobieren. So begann ich nach meiner Ausbildung zunächst in der Kraftfahrzeugstelle zu arbeiten. Dann wechselte ich in die Personalabteilung, später in die Körperschaftssteuerstelle, anschließend in den Veranlagungsbezirk und dann in den Ausbildungsbezirk. Bald winkte auch der Einsatz an meinem damaligen Lieblingsarbeitsplatz: der Vollstreckungsstelle, die heute Erhebungsstelle heißt.

Arbeitsalltag  zwischen akuter Armut und großem Reichtum

Mit dem Wechsel an das Finanzamt Dortmund-Hörde erhielt ich die Möglichkeit, als Vollziehungsbeamter im Außendienst tätig zu sein. Das hieß für mich: weg vom Schreibtisch und raus zu den Menschen. Was ich hier erlebt habe, bekommen nur die wenigsten zu Gesicht. Ich traf auf Menschen, die in großer Armut lebten. Aber auch auf Millionäre, die versuchten, ihren Schmucktresor in geheimen Schrankwänden vor mir zu verstecken. Ende der 90er Jahre erhielt ich als erster Vollziehungsbeamter ein Diensthandy zu Testzwecken. So konnte ich unmittelbar vor Ort den Abschleppdienst anrufen, wenn ein Auto gepfändet werden sollte, oder bei einer tumultartigen Auseinandersetzung die Polizei verständigen. Ich konnte in solchen Fällen ja schlecht fragen, ob ich mal kurz das Haustelefon benutzen darf. 

Der Aufstieg in den gehobenen Dienst

Nach dieser spannenden Zeit in der Vollstreckungsstelle bewarb ich mich auf eine Stelle in der Oberfinanzdirektion in Münster. Ich zog mit meiner Familie in das schöne Münsterland, baute ein Haus und arbeitete in der Beihilfe- und später in der Reisekostenstelle der OFD. Ich hatte nun zahlreiche Stellen des mittleren Dienstes durchlaufen,  und ich war bereit für eine neue Herausforderung. Man bot mir den Aufstieg in den gehobenen Dienst an, und ich nahm ohne zu zögern an.  Nach der zweijährigen Fortbildung im Finanzamt Münster-Außenstadt und dem Studium an der Landesfinanzschule erschlossen sich mir wieder neue Betätigungsfelder. Ich wechselte an das Finanzamt Hamm, wo ich bis heute arbeite. Dort wurde ich zunächst in der Steuerfestsetzungsstelle eingesetzt und zwischenzeitlich mehrmals an das Rechenzentrum abgeordnet, um das Steuerprogramm „Elster“ zu testen. Dann kam ich wieder in den Vollstreckungsinnendienst, und seit fünf Jahren arbeite ich nun als Sachverhaltsermittler.

Als Sachverhaltsermittler ist Ulrich Altewische viel unterwegs

Abgeordnet für die Flüchtlingshilfe

Langweilig ist mir durch die vielen Stellenwechsel in der Finanzverwaltung nie geworden. Vor zwei Jahren habe ich dann auch noch eine ganz besondere Lebenserfahrung machen dürfen. Gemeinsam mit 240 Finanzbeamten wurde ich an die Bezirksregierung abgeordnet, um die „Flüchtlingshilfe“ des Landes zu unterstützen. In dieser Zeit habe ich zwei Notunterkünfte in Ahlen mit bis zu 750 Flüchtlingen administrativ betreut. Ich habe in dieser Zeit sehr viele Menschen aller Altersgruppen und aus verschiedensten Kulturkreisen und Ländern kennengelernt. Vielen Menschen konnte ich nach teilweise dramatischen Erlebnissen hilfreich zur Seite stehen. Ich  konnte Ihnen helfen, auf der Flucht verloren gegangene Familienangehörige wiederzufinden. Ich war indirekt an einer erfolgreichen Rettungsaktion von Bootsflüchtlingen im Mittelmeer, die mit Ihrem Boot gekentert waren, beteiligt. Ich konnte vielen Menschen  helfen, hier bei uns unterzukommen und einen neuen Anfang zu finden. Aus dieser Zeit sind immer noch freundschaftliche Verbindungen und Kontakte zu Flüchtlingen vorhanden, die inzwischen in ganz NRW verteilt sind. Die Begegnungen, Erlebnisse und Erfahrungen aus dieser dramatischen, aber auch bereichernden Zeit möchte ich heute nicht mehr missen.
Ich bin meinem Dienstherrn sehr dankbar, dass ich damals bei der Bewältigung dieser riesigen Aufgabe mithelfen durfte.
Zur gleichen Zeit haben meine Frau und ich beschlossen, einen minderjährigen Syrer, der ohne seine Familie nach Deutschland gekommen war, als Pflegekind bei uns aufzunehmen. Er wohnt bei uns und ist heute in seinem zweiten Berufsausbildungsjahr.

Man weiß nie, was noch alles kommt

Nach 40 Jahren in der Finanzverwaltung weiß ich, dass es hier an Möglichkeiten, sich neuen Herausforderungen zu stellen, nicht mangelt. Ganz im Gegenteil. Es bieten sich immer wieder  Gelegenheiten etwas Neues auszuprobieren. Den immer gleichen 08/15-Job muss hier keiner sein Leben lang machen.
 

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